persönliche Erklärung

verlesen in der Gemeinderatssitzung vom 23.4.2019 von Ratsmitglied Florian Botzet (Liste Becker) bezüglich TOP 1 (Beratung und Beschlussfassung über den Antrag auf Zuweisung einer besonderen Funktion Gewerbe im Raumordnungsplan)


Liebe Ratskollegin und -kollegen,

die Zuweisung der Gemeindefunktion Gewerbe zu unserer Gemeinde Maring-Noviand als Wegbereiter für ein interkommunales Gewerbegebiet (IKG) in unserem Landschaftsschutzgebiet bereitet mir persönlich großes Unbehagen.

Maring-Noviand liegt in einer erwiesen schützenswerten Kultur-, aber vor allen Dingen Naturlandschaft. Hinsichtlich dessen empfinde ich es als mehr als bedauerlich, dass der hier anwesende Rat überwiegend rein wirtschaftliche und demografische Argumente in Hinblick auf das neu zu erschließende IKG anführt, das nach Intention vieler Anwesender wohl Hauptaugenmerk unserer zukünftigen Gemeinde mit Funktion Gewerbe werden soll.

Als jüngstes Mitglied des Rates erlaube ich mir, meine Sichtweise vor dieser bedeutsamen Entscheidung darzulegen. Diese soll sinnbildlich nicht über das „Morgen“ zum Nachdenken anregen, wie es hier so häufig und hypothetisch erfolgt, sondern über das „Übermorgen“. Ich spreche hierbei ausdrücklich nicht als Landwirt, sondern als Wertschätzer unseres natürlichen Ortsbildes.

Wer am Puls der Zeit fühlt, der weiß, dass jedes Wachstum Grenzen hat, dass natürliche Ressourcen endlich sind und dass selbst modernes Wachstum oder green growth (Stichwort Vorzeige-Gewerbegebiet) der Natur schadet, da es Ressourcen-Ausbeutung lediglich verlagert. Viele Bewegungen und Strömungen innerhalb der Gesellschaft haben das erkannt und werden die Menschen weiter sensibilisieren, sodass ich glaube, dass auch wir in unserer Funktion mit Entscheidungskompetenz dringend unser ökologisches Gewissen befragen müssen.

Ich bitte euch, bei meinen Ausführungen für den Moment rein wirtschaftliche und damit möglicherweise einhergehende demografische Gedankengänge auszublenden:

Ich zitiere aus dem Bodenatlas 2015 der Heinrich-Böll-Stiftung: „Wir leben von und auf dem Boden, aber wir schenken ihm kaum Beachtung. Wir nutzen die Böden der Welt, als wären sie unerschöpflich. Doch sie sind in menschlichen Zeiträumen nicht erneuerbar.“

 

Ihr alle kennt die Zahlen und Größendimensionen, über die wir hier diskutieren. Wir stellen eine Fläche innerhalb unserer Gemeinde zur Verfügung und lassen eine immense Versiegelung an Boden zu. Und das in einem Landschaftsschutzgebiet!

Hierzu möchte ich etwas veranschaulichen, das exemplarisch für unser aktuelles Umweltverständnis steht: In Deutschland knöpfen wir der Natur täglich ca. 66 Hektar Boden zur Mehrung unseres Wohlstands ab. Zeitgleich nutzen wir virtuell jährlich rund 80 Millionen Hektar im Ausland zur Deckung unseres Bedarfs. Selbst produzieren wir nur mehr auf knapp 17 Millionen Hektar, Tendenz abnehmend aufgrund von Siedlungs- und Straßenbau. Der Import bewegt sich dabei in einem Spektrum von intakten Handelsbeziehungen bis hin zur Ausbeutung von Ländern, die ihre eigenen Grundbedürfnisse kaum zu decken vermögen.

Liebe Ratskollegin und -kollegen, das sind die Zahlen und Missstände, die künftige umweltbewusste Generationen interessieren und interessieren müssen, denn Renditen und Wachstumsraten werden zunehmend uninteressant, wenn immer weniger natürliche Ressourcen zur Verfügung stehen.

Der Raubbau an der Natur zugunsten unseres Wohlstands ist jedermann bekannt. Jeder von uns hier ist sich dessen bewusst und weiß, dass es so nicht endlos weitergehen kann. Doch nur wenige sind mutig genug, einmal „Nein“ zu sagen – aber wir müssen irgendwann damit anfangen!

Unsere Gesellschaft steht doch für jeden deutlich spürbar am Scheideweg. Während Ökonomen, Geologen, Klimatologen und selbst eine Schülerbewegung das Problem längst erkannt haben, investieren wir weiter stur in Wirtschaft und Wachstum auf Kosten unserer Umwelt, und dies nun direkt und in großem Stil vor unserer Haustür, indem wir unser schönes Ortsbild und Landschaftsschutzgebiet opfern. Es scheint sich in uns verfestigt zu haben, dass unser innerer Kompass stets nach Wirtschaft, Wachstum und Geld und nur selten in Richtung Natur und ökologische Verantwortung ausschlägt.

Ihr bezeichnet eure Argumentation oft als vorausschauend hinsichtlich einer örtlichen Infrastruktur, aber in dieser schnelllebigen Zeit und in Hinblick auf die folgende Generation und deren Nachfolger reicht das einfach nicht mehr aus.

Wer in vorausgegangenen Diskussionen oder auch im Beschlussvorschlag sinngemäß über weniger wertvolle Flächen innerhalb unserer Gemeinde und erst recht innerhalb eines Landschaftsschutzgebietes spricht, hat nicht ansatzweise verstanden, was in Zukunft schützenswert sein wird.

Die Stichworte Kulturlandschaft, Wohnqualität und natürlicher Freiraum werde ich an dieser Stelle nicht weiter heranziehen, auch wenn diese ebenso einen hohen Stellenwert innehaben.

Als Selbstständiger mit einem auch betriebswirtschaftlichen Studium kenne ich durchaus die wirtschaftlichen Mechanismen und Zwänge. Diese dürfen uns jedoch nicht daran hindern groß und weitblickend zu denken. Eine Wegbereitung für das IKG bedeutet den flächenmäßig und ökologisch größten Einschnitt in das Bild der Ortsgemeinde seit deren langem Bestehen. Die Harmonie und Ausgewogenheit zwischen Wohnsiedlung, Gewerbe und Landwirtschaft wird ausgehebelt. Das können wir nicht durch kapitalwirtschaftliches Denken und demografische Hypothesen rechtfertigen.

Meine und auch eure Generation, liebe ältere Ratsmitglieder, hat in ökologischer Hinsicht bereits Vieles zu verantworten. Besinnt euch eurer Verantwortung und malt euch aus, wie die nächsten Generationen, die wir alle hier halten wollen, über diese großflächige Inanspruchnahme eines schützenswerten Gebietes urteilen. Sie werden umsichtiger sein als wir und nicht nur dem Wachstum hinterherhecheln.

Ich weiß, dass die meisten von euch gefestigte Standpunkte vertreten. Wir wollen nach unserer persönlichen Überzeugung alle das Beste für unseren Ort. Meine Intention ist es jedoch, euch noch einmal darauf hinzuweisen, dass ihr nicht nur gegenüber den Menschen, sondern auch gegenüber deren Lebensraum eine hohe Verantwortung tragt. Die Befürworter werden die Bauherren dieser Landversiegelung sein und sich dem Urteil kommender Generationen stellen müssen.

Als Teil einer Generation, die hier zu schwach vertreten ist und nur geringen Einfluss ausüben kann, gleichzeitig jedoch voll betroffen ist, lehne ich die Gemeindefunktion Gewerbe für meinen Wohnort Maring-Noviand ab, um unsere wertvolle Natur und unseren Lebensraum im Ort zu schützen.

Ich bitte die Schriftführerin, diese persönliche Erklärung eins zu eins in die Niederschrift aufzunehmen.

 

Florian Botzet
Gemeinderatsmitglied Maring-Noviand
23. April 2019

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